{"id":1,"date":"2015-11-02T18:07:18","date_gmt":"2015-11-02T17:07:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zukunft-demokratie.nrw\/wp2\/?p=1"},"modified":"2018-05-16T14:44:57","modified_gmt":"2018-05-16T12:44:57","slug":"hallo-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zukunft-demokratie.nrw\/wp2\/?p=1","title":{"rendered":"Warum sich Politik mit K\u00fcnstlicher Intelligenz besch\u00e4ftigen muss"},"content":{"rendered":"<p>von Kai Schlieter<\/p>\n<p>Maschinen lernen Sehen, H\u00f6ren, Sprechen, F\u00fchlen und zu entscheiden. Sie lernen dies, weil Sensoren die physikalische und soziale Welt in eine Sprache verwandeln, die sie verstehen: in Daten. Sie lernen, unsere Welt in ihrer Welt mathematisch zu repr\u00e4sentieren und auf diese Weise zu verstehen. Sie optimieren dieses Verstehen permanent und sind in der Lage, enorme Datenmengen zu prozessieren. Prim\u00e4r ist nicht\u00a0 die Frage, ob solche Systeme ein Bewusstsein erlangen \u2013 das ist derzeit rein spekulativ; ma\u00dfgeblich ist die F\u00e4higkeit, Lernen zu lernen und jenseits von Vorgaben neue L\u00f6sungen zu entdecken. Es geht um automatisierte Informationsverarbeitung. Diese Schl\u00fcsseltechnologie wird unter dem Sammelbegriff &#8222;K\u00fcnstliche Intelligenz&#8220; gefasst.<\/p>\n<p><!--more-->Die jetzigen Durchbr\u00fcche sind eine physikalisch erkl\u00e4rbare Folge exponentiell wachsender Rechenleistung und ebenso exponentiell wachsender Datenuniversen. Etwa seit 1965 verdoppelt sich rund alle 18 Monate die Rechenleistung, die f\u00fcr einen Dollar zu haben ist. Alle zwei Jahre verdoppelt sich die Datenmenge.<\/p>\n<p>Immer wenn von Big Data die Rede ist, verbirgt sich als Schl\u00fcsseltechnologie dahinter K\u00fcnstliche Intelligenz. Eine Technologie, die milit\u00e4rischen Ursprungs ist. Ohne K\u00fcnstliche Intelligenz w\u00fcrde die NSA in einem Meer von Daten untergehen.<\/p>\n<p>K\u00fcnstlich intelligente Systeme reprogrammieren sich ohne menschliche Hilfe und l\u00f6sen Probleme, die von Menschen aufgrund der Komplexit\u00e4t nicht modellierbar w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Wenn das Programmieren auf die Automatisierung k\u00fcnftiger Prozesse abzielt, dann bedeutet K\u00fcnstliche Intelligenz die Automatisierung des Programmierens, wie ein f\u00fchrender US-Informatiker schreibt. K\u00fcnstliche Intelligenz bedeutet also die Automatisierung der Automatisierung.<\/p>\n<p>Bereits heute basieren 70-80 Prozent der US Stock Exchange auf Hochfrequenzhandel: Computer dealen in Millisekunden mit anderen Computern auf der Basis von Wirtschaftsinformationen, die zum Teil ebenfalls Computer generiert haben. Ein sich selbst steuernder Prozess, der f\u00fcr die Weltwirtschaft ma\u00dfgeblich ist. Der Wirtschaftshistoriker Philip Mirowski spricht von einer &#8222;Cyborg-\u00d6konomie&#8220;. Ein automatisierte Finanzindustrie, bei der permanente Mikrocrashs von Computern verursacht werden, deren Ursachen f\u00fcr Menschen nicht mehr nachvollziehbar sind.<\/p>\n<p>Wir werden uns nicht deswegen mit KI besch\u00e4ftigen, weil wir es wollen, sondern weil wir es m\u00fcssen. Denn K\u00fcnstliche Intelligenz ist mehr als nur ein technisches Artefakt, es handelt sich um eine Technologie, deren Wesenskern die Eigenst\u00e4ndigkeit ist. Die Komplexit\u00e4t heutiger Systeme ist bereits nicht mehr nachvollziehbar.<\/p>\n<p>Die F\u00e4higkeit, intelligent Informationen zu prozessieren machte Menschen zur erfolgreichsten Spezies. Sehen, h\u00f6ren, sprechen, f\u00fchlen und Entscheidungen treffen bilden die Grundlage unserer kognitiven F\u00e4higkeiten. Und alles, was Menschen hervorgebracht haben, basiert darauf. Sie werden Menschen nicht g\u00f6ttlich eingehaucht, sondern durch Erziehung und Sozialisation erlernt. Mit wachsender Rechenleistung und Datenmengen sind Maschinen in der Lage, automatisiert Lernen zu lernen und prinzipiell jedes beschreibbare Problem zu l\u00f6sen. Es ist daher vermutlich nicht n\u00f6tig, menschliche Intelligenz zu entschl\u00fcsseln. Die gegenw\u00e4rtige Revolution basiert darauf, basale Mechanismen des Lernens zu automatisieren.<\/p>\n<p>IT-Giganten entwickelten auf diese Weise Systeme, die B\u00fccher \u201elesen\u201c oder Videos anschauen k\u00f6nnen und dann inhaltlich Fragen dazu beantworten. Es existieren bereits jetzt k\u00fcnstliche neuronale Netze, die nicht nur Gesichter und Objekte auf Fotos oder in Videos erkennen; diese Systeme k\u00f6nnen die Beziehungen der einzelnen Objekte zueinander analysieren. Sie kombinieren Sehen und Verstehen. Das KI-System IBM Watson, mit dem man sich unterhalten kann, wurde zu einer eigenen Sparte ausgebaut, in die der Konzern eine Milliarde Dollar investiert. Dieses System kann zehntausende wissenschaftlicher Krebsstudien &#8222;lesen&#8220; und daraus Schlussfolgerungen ziehen. Es wird zur Krebsdiagnosen in US-Krankenh\u00e4usern eingesetzt. VITAL ist ein KI-System, das einen gleichberechtigten Sitz im Aufsichtsrat eines Wagniskapitalgebers bekam.<\/p>\n<p>Menschen organisieren ihr Leben \u00fcber das Internet, Facebook ist die Daten-Bibliothek der sozialen Beziehungen von 1,5 Milliarden Menschen. Wir sind mit dem Smartphone permanenten mit der Welt vernetzt, und so, wie wir durch Bewegung Luft verdr\u00e4ngen, erzeugen wie gleichzeitig Daten. All diese Daten k\u00f6nnen in komplexen Modellen in Beziehung gesetzt werden. Daraus l\u00e4sst sich errechnen, was wir m\u00f6gen, wen wir lieben, wer wir sind und wie all dies in Zukunft sein wird. Das ist kein Science Fiction sondern Gegenwart. Weltweit nutzen Strafverfolgungsbeh\u00f6rden und Geheimdienste solche Methoden, um Verbrechen der Zukunft zu prognostizieren &#8211; auch in Deutschland. Denn Verhalten ist berechenbar.<\/p>\n<p>Mit K\u00fcnstlicher Intelligenz sind Menschen lesbar geworden. Die Pers\u00f6nlichkeit kann ger\u00f6ntgt werden wie das Skelett. Von Milliarden Menschen. In Echtzeit. Der intelligente Umgang mit Daten repr\u00e4sentiert eine nie dagewesenen Macht der IT-Oligarchen. Im Silicon Valley gilt KI deswegen als DAS Thema schlechthin. Diese Konzerne besitzen die Daten, die Serverfarmen mit den entsprechenden Rechenleistungen und die gr\u00f6\u00dften Forscherteams im Bereich der K\u00fcnstlichen Intelligenz.<\/p>\n<p>Deswegen befinden wir uns im Zeitalter des Informationskapitalismus, wie Frank Schirrmacher sagte. Wurde die industrielle Revolution durch Kraft und Energie erm\u00f6glicht, wird die Gegenwart von Daten und Informationen revolutioniert.<\/p>\n<p>Wer mithilfe lernender Systeme in die Lage versetzt wird automatisiert menschliches Verhalten zu lesen und zu prognostizieren, bekommt nie dagewesene Macht. Obama sicherte sich 2012 mit solchen Systemen die Wiederwahl. Sein Datenteam verschlang 100 Millionen Dollar. Wer die Zukunft kennt, kann versuchen, sich danach strategisch auszurichten. Wer die Zukunft kennt, kann aber auch versuchen, darauf Einfluss zu nehmen.<\/p>\n<p>Das geschieht permanent und unbemerkt, weil uns selbst unsere Zukunft nicht bekannt ist. Google entscheidet heute bereits \u00fcber den Ausgang von Wahlen, wie der renommierte Psychologe Robert Epstein in einer Studie k\u00fcrzlich darlegte. Versicherungskonzerne k\u00f6nnen berechnen, wann wir Vertr\u00e4ge stornieren, welche Krankheiten uns ereilen oder ob wir bei Versicherungsf\u00e4llen die Wahrheit sagen.<\/p>\n<p>Daten ver\u00e4ndert das Bild vom Menschen. Das Individuum wird zum statistisch zerlegbaren Fragment. Der Mensch als unantastbares Ganzes ger\u00e4t zu einem Modell der Vergangenheit.<\/p>\n<p>Im neoliberalen Kapitalismus entstand der Unternehmer seiner selbst, der sich und seine Arbeitskraft als Ware zu vermarkten hatte, wie Foucault schrieb. Im Informationskapitalismus ist das \u00f6konomisch nach Verhaltensklassen gescorte Individuum entstanden, das nur noch aus einzelnen Typologie zusammengesetzt ist, die als Datenschatten sichtbar und verkauft werden.<\/p>\n<p>Der Informationskapitalismus verbindet sich in dieser Auspr\u00e4gung mit einem techno-religi\u00f6sen Glauben, der darauf setzt, mithilfe solcher Systeme und den Daten auch Prozesse der Alterung zu entschl\u00fcsseln und zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Larry Page und viele andere m\u00f6chten nach eigenen Aussagen die eigene Lebensspanne immer weiter ausdehnen und gr\u00fcndeten zu diesem Zweck eigene Firmen. Es geht daher nicht nur um ein \u00f6konomisches Modell. Der Datenkapitalismus ist zu einer religi\u00f6sen Mission sehr m\u00e4chtiger M\u00e4nner geworden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Kai Schlieter Maschinen lernen Sehen, H\u00f6ren, Sprechen, F\u00fchlen und zu entscheiden. 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